Neue Zürcher Zeitung vom 27. Oktober 2004
Antwort auf die «Herausforderung der Säkularisierung»
Erstmals hat der Vatikan die Soziallehre der katholischen Kirche in einem Handbuch zusammengefasst. Das Kompendium soll, wie beim Heiligen Stuhl erklärt wird, Orientierungshilfe in einer zunehmend säkularisierten Welt leisten.
Tz. Rom, 26. Oktober
Nach fünfjähriger Vorbereitungszeit hat der Vatikan diese Woche ein «Kompendium der Soziallehre der Kirche» veröffentlicht. In diesem rund 500 Seiten umfassenden Handbuch hat die Führung der katholischen Kirche erstmals in der Geschichte ihre gesellschaftspolitischen Lehren, welche die Päpste bisher in verschiedenen Enzykliken und anderen Schriften festgehalten hatten, möglichst überschaubar und praktisch verständlich zusammenzufassen versucht. Dabei wurde nicht zuletzt von dem - dem gegenwärtigen Papst stark am Herzen liegenden - «Axiom» ausgegangen, dass «die Ewigkeit hier und jetzt beginnt und sich die Kirche nicht nur um die Geister, sondern auch um die Körper kümmern» müsse.
Keine neue Morallehre
Mithin enthält das Kompendium aber keine neue Morallehre und keine neuen sozialethischen Positionen. So werden zum Beispiel eine rechtliche Gleichbehandlung des Konkubinats mit der Ehe und die offizielle Anerkennung homosexueller Verbindungen weiterhin abgelehnt, wie auch die Abtreibung unentwegt als Verbrechen eingeordnet wird. Neu sind auch nicht die ernsthaften moralischen und juristischen Fragezeichen, die hinter das Konzept von Präventivkriegen gesetzt werden. Ebenfalls der bisherigen Linie entspricht es, wenn der Vatikan gleichzeitig einräumt, es gebe ein Recht, sich gegen den Terrorismus zu verteidigen; es sei eine Entweihung und ein Fluch, sich im Namen Gottes als Terrorist zu bezeichnen.
Bisheriger Doktrin entspricht sodann auch etwa der Paragraph, in dem die Todesstrafe - teilweise aus kirchenhistorischen Gründen - nicht absolut verurteilt, sondern nur der Bewegung zur Abschaffung dieser Sanktionsform, die «praktisch nicht mehr absolut notwendig» sei, Unterstützung zugesagt wird. Schliesslich werden in der neuen Publikation auch die bisherigen Soziallehren für die Wirtschaft bekräftigt. Das Gewinnstreben sei legitim, solange es die Würde der Menschen respektiere.
«Instrument für interreligiösen Dialog»
Das mit einem grossen Register ausgestattete und durch zahlreiche Fussnoten ergänzte Kompendium, das Papst Johannes Paul II. in Auftrag gegeben hatte, wurde vom päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden verfasst. Der Präsident des Gremiums, Kardinal Martino, erklärte an einer Medienkonferenz, dass dieser erste Sozialkatechismus nicht zuletzt Orientierungshilfe in einer zunehmend säkularisierten Welt leisten wolle, in der die Überzeugung vorherrsche, dass Ethik und Politik zu trennen seien. Laut Martino richtet sich das Kompendium jedoch nicht nur an Katholiken. Es soll nicht nur als Mittel zur wirksameren Verbreitung des Evangeliums, sondern auch als Instrument für den ökumenischen und interreligiösen Dialog dienen. Angesprochen werde ein universelles Publikum. Als herausragende Priorität dieses Dialogs identifizierte Martino das Engagement für den Frieden und für die Menschenrechte. Und er erinnerte daran, dass der Papst schon 2002 alle christlichen Konfessionen und grossen Religionen der Welt dazu aufgerufen habe, für eine Beseitigung der sozialen und kulturellen Ursachen des Terrorismus zusammenzuarbeiten.