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Der diskrete Charme der Tradition

Mittellandzeitung vom 16. Juli 2004

Die katholische Kirche sieht im konservativen Beharren ihre Chance
Die katholische Kirche hat in letzter Zeit auch in der Schweiz einen konservativen Kurs eingeschlagen und Ökumene-Bestrebungen eine Absage erteilt. Dies aber einseitig als «Verhärtung» abzuqualifizieren, wäre falsch.

Christoph Bopp

Den Landeskirchen laufen die Schäfchen davon. Über die Gründe kann man lange rätseln. Unter anderem aber sicher eine Rolle spielen dürfte der Umstand, dass sie ihre Monopolstellung in religiösen Dingen verloren haben, dass es schlicht nicht mehr «undenkbar» ist, nicht Mitglied einer Landeskirche zu sein, wie dies noch vor ein paar Jahren der Fall war. Diese Befreiung der Gläubigen hat eine Art Markt geschaffen, auf dem die Kirchen als Anbieter fungieren. Die Leute haben die Freiheit des Konsumenten erhalten (auch wenn sie ihr Verhalten natürlich nicht unter diesem Titel sehen wollen). Und sie wählen nun unter all den religiösen Angeboten das aus, das ihren Bedürfnissen am bes-ten entspricht.

Bedürfnisse sind nun – zumal es sich ja um menschliche handelt – etwas, das der Mode, dem Wandel unterworfen ist. Und die Kirchen sind aufs Ewige, Überzeitliche ausgerichtet. Das Problem ist klar und wird auch erkannt: «Würde sich die Kirche nur auf ‹Bedürfnisse› ausrichten, wäre sie wirklich überflüssig», sagt Cla Reto Famos, Oberassistent für Praktische Theologie am Thelogischen Seminar der Universität Zürich. Er habilitiert sich über das Thema «Kirchenmarketing» und ist sich des paradoxen Inhalts dieses Begriffs sehr wohl bewusst. «Die Kirche muss etwas Widerständiges haben und hat das auch immer gehabt. Das kommt von ihrem göttlichen Auftrag her, sie soll ja eine Gemeinschaft von auserwählten Menschen sein, die sich unter einem bestimmten Zeichen sammeln.» «Kirchenmarketing», sagt er, beschäftigt sich gerade mit der Spannung, die sich zwischen diesem «Auftrag» und den Erwartungen und Bedürfnissen der Leute auftut.

Öffnung oder zurück zur Tradition

Die beiden Extremwerte dieses Spannungsbogens liefern nun auch die Grenzwerte für eine «Marketing-Strategie». Die Kirche kann sich öffnen, die Arme weit aufmachen und alle Leute guten Willens zur Teilnahme einladen, sie kann sich aber auch auf die tradierte Form ihres Auftrags zurückziehen und die Teilnahme an das Befolgen gewisser Bedingungen knüpfen. Teilnahme an einem Markt ist immer auch ein Kampf gegen den Untergang, da decken sich ökonomisch gesprochen profitorientierte mit nichtprofitorientierten Märkten. Unternehmen, die ihre Produkte nicht verkaufen, gehen ebenso unter wie Institutionen, deren Auftritt nicht überzeugend genug wirkt.
Betrachtet man dies nun unter dem Aspekt des zurzeit tobenden Streites um Ökumene und gemeinsames Abendmahl, wird klar, in welche Richtung die beiden Konfessionen ihre Strategie ausgestaltet haben. «Wir haben kein Problem mit einem gemeinsamen Abendmahl», betont die reformierte Seite. «Die Interzelebration, die gemeinsame Feier der Eucharistie, wäre ein Schritt, der noch weit darüber hinausgeht, was für uns denkbar ist», sagen die katholischen Würdenträger.
Theologisch ist der Fall weitgehend klar. Nur ist das den Gläubigen in der überwiegenden Mehrzahl nicht bewusst oder gar gleichgültig. Wer kann heute noch hersagen, was Arianismus ist, was das katholische Verständnis des Abendmahls vom reformierten unterscheidet, in welchen Punkten sich lutherische und zwinglianische Theologie unterscheiden? Die Debatte legt offen, dass es gar nicht so sehr um Theologie geht, sondern um das Verhalten der jeweiligen Kirchen. Was erwarten die Leute von ihrer Kirche? Wobei es nicht primär um «Bedürfnisse» geht, die befriedigt werden könnten, sondern um den Auftritt, das, was modern «Corporate Identity» genannt wird.
Die gesellschaftlichen Trends sind klar. Sie gehen in Richtung Liberalisierung, man befreit sich von einengenden Regeln und kann nicht verstehen, wenn man auf Traditionen beharrt. Diesen Trends kommt die reformierte Kirche entgegen. «Wir sind alle auf einem gemeinsamen Weg unterwegs», wobei der Weg zwar hier nicht das Ziel, aber mindestens für den Moment prioritär ist. Gegenüber den Katholiken erhebt man dann den Vorwurf, die religiösen Symbole «zu verwalten», auf der allein richtigen Interpretation zu beharren. Dagegen verwahrt sich die katholische Seite mit dem Argument, schliesslich mache man nur das, was man schon seit 2000 Jahren gemacht habe.

Authentisch, weil gegen alle Trends

Dem ersten Anschein nach agiert die katholische Kirche gegen alle Trends – und wahrscheinlich auch gegen den Markt. «Vordergründig bieten sich Erklärungsmuster wie ‹Arroganz› oder gar ‹Sturheit wider besseres Wissen› an», sagt Professor Hans Peter Wehrli vom Institut für Strategie und Unternehmensökonomik an der Universität Zürich, «es könnte aber auch ein radikaler Glaube an die eigene Kernkompetenz sein. Schliesslich hat sich die katholische Kirche in der ‹Gläubigerführung› fast 2000 Jahre lang sehr erfolgreich bewährt.» Architektonische Monumente zeugten von diesem Erfolg, als Institution war die katholische Kirche so stabil wie kaum etwas in der Geschichte, ein «Weltunternehmen, das die Globalisierung schon vorweg- genommen hat», sagt Cla Reto Famos.
Und der Standpunkt «gegen die Trends» verleiht «Authentizität». Mehr an Weihe kann eine Marke kaum bekommen. Demgegenüber hat die reformierte Kirche eher ein «Profilierungsproblem, daran können auch Slogans wie ‹Ungeniert reformiert› nicht viel ändern», so Famos. Je klarer sich eine Gruppe von Menschen selbst definiert, desto stärker wird die Loyalität. Sie neigt dann immer mehr dazu, sich von Feinden umgeben zu fühlen. Die Medien, welche die Worte des Bischofs falsch interpretieren, sind da nur ein Beispiel. Das weckt die Beharrungsinstinkte, aus Pflichtbewusstsein will man die Gruppe nicht verlassen.
Natürlich ist der Gläubige heute ein Individuum. Die «allein seligmachende Kirche» ist für die meisten Gläubigen nicht viel mehr als ein Schlagwort. Auf die eigene Entscheidung leistet keiner Verzicht. Wer sich aber von der Kirche sein Seelenheil erwartet, wird von der katholischen Kirche besser versorgt. Sie verspricht Ordnung, eine klare Hierarchie; die Rituale sind wohldefiniert, nicht beliebig; die Anforderungen an den gläubigen Menschen verständlicher. Katholik sein kann man auch als Individuum. Und der Papst ist, auch wenn man längst nicht alle seine Meinungen teilt, eine sehr starke Identifikationsfigur.

 

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