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Kirche definiert sich nicht durch Trends

In einem lesenswerten Interview mit der Neuen Luzerner Zeitung antwortet Generalvikar Roland-B. Trauffer auf Fragen zu Tradition und Wandel. Am Montag, 19. Mai findet dazu ein Podiumsgespräch an der Hochschule Luzern für Technik & Architektur in Horw statt (19 Uhr)

NLZ:
Die Kirche beruft sich auf feste Traditionen und Werte. Die Grundfrage stellt sich: Wie kann sie auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, ohne ihre Identität zu verlieren?

Roland-B. Trauffer:
Sicher, wir müssen mit der Welt mitgehen, mit Veränderungen, und zugleich fest in der Hoffnung unseres Glaubens stehen, ohne uns den Launen der Zeit zu unterwerfen. Als Christen glauben wir unabhängig von herrschenden Gesellschaftstrends, dass die Welt von Gott erschaffen wurde, dass dieser Gott jeden Einzelnen von uns kennt und ihn trägt, ihm göttlichen Sinn schenkt. Andererseits müssen wir natürlich Aspekte der kirchlichen Auslegung dieses Glaubens, etwa bei ethischen Fragestellungen zu Stammzellenforschung oder Familienpolitik, immer wieder neu prüfen und kommunizieren.

Geht Wandel überhaupt mit Tradition zusammen? Wie hält die Kirche dieses Spannungsfeld aus?

Es ist das Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Vertrauen in Bewährtes, das wohl jeder Mensch im Laufe seines Lebens auch persönlich erfährt. Als Kirche müssen wir aufbrechen, wo ein reines Festhalten an der Tradition nur gegenwartsblind machen und letztlich unseren Glauben an die gute Schöpfung verraten würde. Dann aber müssen wir auch standhalten, wo ein voreiliges Sichanpassen den Glauben ebenfalls verraten würde. Beide Gefahren sind gross, führen immer wieder zu Kontroversen.

Hat die Kirche die Tendenz, gesellschaftliche und politische Veränderungen auszusitzen?

In mancher Hinsicht sicher, in 2000 Jahren Geschichte finden Sie alles, den schlechten Umgang mit der Wissenschaft oder der Machtpolitik, denkfaulen Fundamentalismus usw. Dann aber zeigt sich in vielen Jahrhunderten eine fortschrittliche, ja revolutionäre Kirche, die das Spitalwesen hervorbringt, Armen- oder Waisenhäuser, Bildungsfortschritt und Universitäten. Ganz zu schweigen von der Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen, als Grundlage der Abschaffung von Sklaverei und der heute so selbstverständlich erscheinenden Menschenrechte.

Ist Tradition auch eine Stärke? In welcher Hinsicht?

Als überlieferte Erfahrung vorheriger Generationen, als bewährte, lebenserprobte Interpretation menschlichen Zusammenlebens, menschlicher Grundfragen ist Tradition fundamental für jede Kultur. Wenn Sie an die Philosophie denken, oder an die Geschichtsschreibung, was haben wir da für gesammelte Erkenntnisse über die menschliche Existenz!

Aber die Geschichtswissenschaft, auch die Human- und Naturwissenschaften ändern sich doch laufend.

Natürlich. Nur tun sie das auf dem festen Boden ihrer jeweiligen Denk- oder Methoden-Tradition. Und es ist für den Menschen wichtig, zu jeder Zeit seine Wurzeln zu kennen, es relativiert die oftmals absolut erscheinende Gegenwart, auch den Totalitätsanspruch gewisser Ideologien, die früher oder später immer wieder auftauchen und den neuen Menschen, die endgültige Befreiung oder historische Patent-Lösung ausrufen.

Beispiel Wissenschaft/Technik: Die Kirche hat sich immer schwer getan mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen (Galilei, Darwin). Inzwischen greifen Forscher in den Gen-Code ein und nehmen Einfluss auf die Schöpfung. Wie reagiert die Kirche auf diesen Wandel?

Die Kirche hat den Glauben eigentlich nie als Gegenstück zur Vernunft oder zur Erforschung der Natur verstanden. Sie hat sich nur gewehrt, wenn es darum ging, dass gewisse Methoden der Naturerforschung plötzlich über dem Glauben stehen sollten oder ihn gar ersetzen. Naturwissenschaftliche Wahrheiten betreffen Ablaufgesetze, die Struktur der materiellen Welt usw. Glaubenswahrheiten hingegen machen unabhängig davon Aussagen über Sinn und Zweck dieser materiellen Welt, auch über die unsichtbare Welt, über die Seele des Menschen, seine Bestimmung.

Aber es gab doch den Kampf der Kirche gegen die Wissenschaft?

Es gab immer beides, das Unverständnis für wissenschaftliche Erkenntnis, und die Förderung gerade der fortschrittlichsten Orte des Wissens und Forschens. Auch gab es immer Naturwissenschaftler und Denker, die sich selber als gescheit und den Glauben als Dummheit gesehen und die Kirche fanatisch bekämpft haben. Als Kirche sind wir davon überzeugt, dass ein Glaube, auch eine Theologie ohne Vernunft blind wird und krank. Aber ebenso, dass eine Vernunft, ein rein empirisch-technisches Machenkönnen ohne Glaube seine Seele, seine ethischen Grenzen verliert und gleichsam krank wird.

Beispiel Gesellschaft: Scheidungen sind bei uns normal und häufig geworden. Muss sich die Kirche diesem Wandel anpassen? Was erreicht die Kirche, wenn sie am Sakrament der Ehe fest hält?

Das Rauchen in Zügen und Flugzeugen war auch lange normal und häufig, das sagt noch nichts über die Wünschbarkeit einer Sache. Wenn wir die Ehe als Sakrament, als etwas vor Gott Heiliges ansehen, dann ist das einfach Ausdruck unseres Glaubens, dass die Verbindung zwischen Mann und Frau mehr ist als ein rein zwischenmenschlicher Vertrag, mehr als ein gegenseitiges Brauchen als Lebensabschnittspartner oder Liebhaber. In der Ehe zwischen Mann und Frau ist das Geheimnis der Schöpfung enthalten, die Gabe, neues Leben zu schenken und in Treue dieses neue Leben heranreifen zu lassen.

Beispiel Religionen: Mit der Globalisierung wird die Toleranz gegenüber andern Religionen verstärkt ein Thema: Auch andere Religionen haben Recht.
Wie kann das die Kirche akzeptieren?

Toleranz und Respekt sind Gebote jeder Religion, auch jeder atheistischen Position. Fundamentalisten gibt es auf jeder Seite, denken Sie nur an fanatische Wissenschaftler wie Richard Dawkins, die in grosser Absolutheit gegen jede Religionen wettern und behaupten, nur ihre Position sei vernünftig und diskussionswürdig. Menschen haben nun einmal verschiedene Weltanschauungen. Es glauben nie alle an einen Gott oder an Jesus, an Mohammed oder an die Materie und ihre Alleingültigkeit. Toleranz heisst hier aber nicht, dass alle am Ende irgendwie recht haben. Es heisst vielmehr, dass wir das aushalten müssen, dass in unserem Herzen ein Glaube wohnt, dass uns eine existenzielle Einsicht berührt, die dem Anderen fremd bleibt, und den wir tolerieren, annehmen müssen, auch wenn wir uns vielleicht nie verstehen.

Das Gespräch führte Primin Bossart

 

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