Nun ist es endlich soweit: Die historische Otter-Orgel wird am Sonntag, 29. Januar 2012, neu geweiht und erklingt am gleichen Tag erstmals wieder in einem Konzert. 200 Spenderinnen und Spender haben es möglich gemacht. Mit der aufwendigen Restaurierung ist ein Stück Solothurner Kulturgeschichte erhalten geblieben.
Schirmherrin der ganzen Aktion ist die Stiftung Jesuitenkirche Solothurn. Sie hatte zu Spenden für die Restaurierung der wertvollen Orgel aufgerufen. Der Aufruf und die Gesuche an Private, Firmen und Förderstiftungen haben ein überaus grosses Echo gefunden und so konnte die anspruchsvolle Restaurierung finanziert werden. Doch der Reihe nach:
Die Orgel und ihr Erbauer
Die Orgel auf der zweiten Empore der Jesuitenkirche wurde 1791-1794 von Franz Joseph Otter (1761-1807) aus Aedermannsdorf gebaut. Das Instrument zählt 22 Register, verteilt auf Hauptwerk, Rückpositiv und Pedalwerk. Es handelt sich um das einzig erhaltene Werk des bekannten Solothurner Orgelbauers Otter. Dieser war vor allem in den Kantonen Solothurn und Aargau sowie mit dem aus Aeschi stammenden Orgelbauer Johannes Kyburz (1777-1844) auch in Spanien tätig. Der Klang der Otter-Orgel wird von Sachverständigen mit jenem der Silbermann-Orgeln verglichen. Ein wertvolles und einmaliges Instrument, das sich für die Wiedergabe der Kompositionen von Johann Sebastian Bach und besonders der italienischen, französischen und süddeutschen Orgelliteratur des 17./18. Jahrhunderts hervorragend eignet. Die Orgel ist wesentlicher Bestandteil des Gesamtkunstwerks „Jesuitenkirche“, die von 1680 bis 1689 erbaut wurde und als eines der Schlüsselwerke der schweizerischen Barockarchitektur gilt.
Eine Orgel verstummt
Mehrere Umbauten im Laufe des 19. Jahrhunderts haben die originale Disposition des Instruments verändert. Anlässlich der Gesamtrestaurierung der Jesuitenkirche 1952/53 wurde auch die Orgel in Stand gestellt und – entsprechend den damaligen Vorstellungen von einer idealen Bauart – abermals in wesentlichen Teilen abgeändert. Das betraf vor allem die Windversorgung; zudem wurde, um Normverhältnisse am Spieltisch zu erreichen, die Pedalklaviatur eingeschoben, und dafür mussten die Traktur (Verbindung zwischen Taste und Ventil) weitgehend erneuert und die Gehäusefront ausgeschnitten werden.
Später hat auf Veranlassung des ehemaligen Domorganisten Bruno Eberhard der Freiburger Dr. François Seydoux die Geschichte der Orgelveränderungen minutiös untersucht und 2008 in einem ausführlichen Bericht festgehalten. Leider wurde dabei der Vertrag mit Franz Joseph Otter, der die ursprüngliche Disposition enthalten muss, nicht gefunden. Trotz der verschiedenen Veränderungen im technischen Bereich sind wesentliche Bauteile dennoch erhalten geblieben, so das Gehäuse, alle Windladen, Teile des Spieltisches und der Trakturen. Erfreulich hoch ist der Bestand an originalen Pfeifen von Otter. Lediglich 2 der 22 Register sind nicht mehr vorhanden. Vollständig verloren sind leider die originale Balganlage und die Windkanäle von Otter.
Wegen der unbefriedigenden Windanlage und vor allem wegen des altersbedingten Verschleisses der 1952 in die Windladen eingebauten Ventile war die Orgel im Jahr 2010 nahezu unspielbar geworden. Es war höchste Zeit zum Handeln. Mit den notwendigen umfangreichen Restaurierungsarbeiten wurde die in Männedorf beheimatete Firma Orgelbau Kuhn AG beauftragt.
Keine integrale Erhaltung
Bei dieser Ausgangslage musste sich Chef-Restaurator Wolfgang Rehn fragen, welche Ziele bei dieser delikaten Restaurierung überhaupt möglich und verantwortbar seien. Vor wenigen Jahren noch hätte man sicher versucht, die Orgel auf ihren originalen Bauzustand zurückzuführen, obgleich in vielen Details die ursprünglichen Ausführungen Otters gar nicht beweisbar sind. Einer solchen Zielsetzung wären alle Ausführungen von 1952 zum Opfer gefallen. Heute erscheint bei solchen Gegebenheiten die Erhaltung des "gewachsenen Zustandes" als sinnvollere Option. Aus orgelbaulicher Sicht und natürlich auch vom Gebrauch des Instrumentes her gesehen, macht es aber keinen Sinn, jede Unzulänglichkeit bloss, weil sie „historisch gewachsen“ ist, beizubehalten. Man beschloss also, bestimmte Ausführungen zu belassen, weil sie qualitativ gut sind und den historischen Baukörper nicht beeinträchtigen. Andere Ausführungen dagegen waren objektiv als Mängel zu klassifizieren, beispielsweise der Einbau der Sifflöte 1´ ab C. Dieser hat die Pfeifenaufstellung anderer Otter-Register im Rückpositiv negativ verändert. Dieselben Konsequenzen ergaben sich im Hauptwerk durch den Einbau neuer Holzpfeifen in nachweislich falscher Mensur. Das alles sprach gegen die integrale Erhaltung des gewachsenen Zustandes.
Was wurde gemacht?
Zu Beginn der Restaurierungsarbeiten im Januar 2011 wurde das Orgelwerk komplett demontiert. Alle Pfeifen wurden genau inventarisiert, gereinigt und – wo notwendig – in Stand gestellt. Der Schwerpunkt der nun abgeschlossenen Restaurierung lag dann auf der Wiedergewinnung einer Windversorgung, die einer Orgel des späten 18. Jahrhunderts entspricht. Die Windladen besitzen wieder Windkästen aus Massivholz, und zwei neue Keilbälge (mit Kalkantenanlage, d.h. langen Stangen, mit denen ursprünglich die Bälge von Hand bewegt wurden) erzeugen den nötigen Winddruck. Die alte Manual-Schiebekoppel Otters wurde wieder zur Funktion gebracht. Die 1952 tiefer eingeschobene Pedalklaviatur – und die damit verbundenen Abänderungen an Gehäuse und Traktur – wurden rückgängig gemacht. Bauteile der Traktur von 1952 blieben aber weitgehend erhalten.
Das Pfeifenwerk wurde in der Situation von 1952 belassen; lediglich einzelne neue Holzpfeifen in nachweislich unrichtiger Mensur und das Register Salicional 8 ´ im Rückpositiv wurden rekonstruiert. Die Pfeifen des Gedackt 8 ´ im Pedal wurden wieder angelängt. Über die Weiterverwendung des Crummhorn 8 ´ soll erst nach mehrmonatigem Einsatz der restaurierten Orgel definitiv entschieden werden.
In ihrer Anlagekonzeption – mit der neuen Windversorgung – ist die Orgel nach der Restaurierung mit Sicherheit wieder näher bei der Bausituation und dem Klangbild von 1794. Der Orgelprospekt und das Gehäuse wurden, wo notwendig, der bestehenden Bemalung angepasst und, dem heutigen Anspruch der Denkmalpflege entsprechend, von der Firma Nussli Restauratoren AG restauriert und konserviert.
Kosten und Finanzierung
Der Kostenvoranschlag wird mit Fr. 573‘000 voraussichtlich leicht unterschritten. An Denkmalpflege-Beiträgen von Bund, Kanton und von der Römisch-Katholischen Synode des Kantons Solothurn werden rund Fr. 213‘000 erwartet. Die Differenz von rund Fr. 360‘000 ist durch Spenden von Förderstiftungen, Firmen und von 200 Privaten gesichert.
Orgelweihe und erste Konzerte
Im Pfarreigottesdienst von Sonntag, 29. Januar 2012, wird Weihbischof Denis Theurillat die Orgel neu weihen. In dem Gottesdienst wirken der Domchor St. Urs, der Chor der Missione Cattolica Italiana und die Singknaben der St. Ursen-Kathedrale mit. Am gleichen Tag spielt Domorganistin Suzanne Z’Graggen das Kollaudationskonzert; es beginnt um 16.30 Uhr und dauert etwa eine Stunde. An den darauf folgenden Samstagen, bis Ende März, wird in einer Konzertreihe „Orgel um zwölf“ jeweils ein Organist oder eine Organistin aus der Region ein halbstündiges Konzert auf der neu restaurierten Orgel geben; es beginnt jeweils – um zwölf. In allen diesen Konzerten wird keine Kollekte erwartet; die Unkosten sind durch eine Spende der Accordeos Stiftung, Männedorf, gedeckt, so dass die Konzerte den Liebhabern der Orgelmusik offeriert werden können.
Die Stiftung Jesuitenkirche Solothurn dankt allen herzlich, die in handwerklicher, künstlerischer oder finanzieller Weise zur gelungenen Restaurierung beigetragen haben. Möge die restaurierte Otter-Orgel in ihrer Verwendung in der Liturgie, bei Konzerten und in der Musikpädagogik vielen Menschen Freude bereiten!
Konzertreihe „Orgel um Zwölf“
4. Februar bis 31. März 2012
jeden Samstag von 12.00 bis 12.30 Uhr in der Jesuitenkirche:
4. 2. 2012 Bruno Eberhard, Solothurn
11. 2. 2012 Urs Aeberhard, Solothurn
18. 2. 2012 Sally Jo Rüedi, Solothurn
25. 2. 2012 Hans-Rudolf Binz, Olten
3. 3. 2012 Hansruedi von Arx, Olten
10. 3. 2012 Andreas J. Giger, Zürich
17. 3. 2012 Konstantin Keiser, Solothurn
24. 3. 2012 Françoise Härdi, Solothurn
31. 3. 2012 Suzanne Z´Graggen, Solothurn
Stiftung Jesuitenkirche Solothurn
Kontaktadresse:
Frank Schneider, Alte Bernstrasse 54, 4500 Solothurn,
Tel. 032 623 22 19; schneider.frank@bluewin.ch