In einem grossen Interview mit der Sonntagszeitung spricht Diözesanbischof Dr. Kurt Koch über die Zukunft der Kirche, die Angst vor dem Islam und die Unfehlbarkeit von Journalisten
Sonntagszeitung: Herr Bischof, wie haben Sie als Kind Weihnachten verbracht?
Bischof Dr. Kurt Koch:Weihnachten war ein schönes Familienfest, ich glaubte lange ans Christkind. Zwei Mal war ich krank an Weihnachten, einmal hatte ich eine Hirnhautentzündung, ein Jahr später Scharlach. Die ganze Familie musste deswegen in Quarantäne. Und die schöne Eisenbähnleruniform, die ich geschenkt bekommen hatte, durfte ich nicht auspacken. Die musste auch in Quarantäne.
Waren Sie ein gläubiges Kind?
Ich wollte schon in der ersten Klasse Priester werden. Zuvor wollte ich Samichlaus werden, das war mein erster Berufswunsch. Dann bin ich halt Chlaus geworden.
Priester ist ein ungewöhnlicher Berufswunsch für einen Erstklässler.
Das lag an unserem Pfarrer – ein hervorragender Priester. Ich habe einigen Blödsinn für ihn gemacht. Ich bin zur Überzeugung gelangt: Je grösser die Sünden sind, desto mehr Freude hat der Pfarrer. Deshalb hab ich alles Mögliche gebeichtet, Ehebruch inklusive.
Waren die Menschen damals, vor fünfzig Jahren, religiöser als heute?
Was im Innern der Menschen vorgeht, kann ich nicht beurteilen. Mir fällt aber auf, dass man heute zur Religion eher schweigt. Es ist wie mit dem Geld: ein Tabu.
Vor einem Jahr brachen Sie zusammen, nahmen sich eine viermonatige Auszeit. Wie geht es Ihnen heute?
Besser.
Was war passiert?
Im vergangenen Jahr sehr viel. Es gab ein ökumenisches Sommergewitter...
...den Konflikt mit dem Röschenzer Priester Franz Sabo.
Die Medien haben den Konflikt bis auf die Eingeweide ausgeschlachtet. So etwas beschäftigt einen über Wochen, neben der täglichen Arbeit. Irgendwann ist man am Ende seiner Kräfte.
Als Bischof stehen Sie zwischen den Fronten: Auf der einen Seite die Weltkirche mit ihren Dogmen, auf der anderen die Schweizer Katholiken, die dafür wenig Verständnis aufbringen. Ein nervenaufreibender Job?
Ich sehe diesen Kontrast so nicht. Gilbert Chesterton schrieb: «Jeder Mensch hat Dogmen, der Unterschied besteht nur darin, dass die einen es wissen und die anderen nicht.» Wir begegnen auch in der Schweiz sehr vielen Dogmen.
Zum Beispiel?
Die Frage der Neutralität. Und dass wir denken, die Schweizer seien am fünften Tag der biblischen Schöpfungsgeschichte erschaffen worden – und alle anderen Völker erst am sechsten.
Nochmals: Sie stehen im Spannungsfeld zwischen Vatikan und Kirchenbasis.
Natürlich gibt es Spannungen. Aber die gibt es auch innerhalb der Basis selber, nicht nur in Bezug auf die Kirchenleitung. Das ist auch ein Zeichen von Lebendigkeit.
Für viele ist die diesjährige Adventszeit eine Zeit der Angst. Es droht eine heftige Rezession.
Mich erstaunt diese Krise nicht, ich habe sie erwartet.
Warum?
Weil ich nie an das Dogma des selbstregulierenden Marktes geglaubt habe. Insofern ist diese Krise eine heilsame Ernüchterung.
Hat der grosse Kapitalismus-Kritiker Papst Johannes Paul II. Recht bekommen?
Johannes Paul II. hat den Kommunismus und den Kapitalismus als Extreme gesehen, die der Würde des Menschen nicht gerecht werden: der Kommunismus als Verabsolutierung des Kollektivs, der Kapitalismus als Verabsolutierung des Individuums. Die katholische Soziallehre hat immer einen Weg dazwischen gesucht.
Mit Papst Benedikt XVI. sind die politischen Fragen in den Hintergrund getreten.
Nein. Der Unterschied liegt eher in der Art des Auftritts. Johannes Paul II. war ein Papst zum Anschauen, Papst Benedikt XVI. ist mehr ein Papst zum Zuhören.
In der katholischen Theologie ist Habsucht eine Sünde. Hat unsere Gesellschaft gesündigt?
Um es mit dem grossen Pyschologen Erich Fromm zu sagen: Der Mensch muss sich aufs Sein konzentrieren, nicht aufs Haben. Den Sinn des Lebens findet er im Sein.
Haben Sie selbst Geld verloren in der Krise?
Bisher nicht.
Besitzen Sie Wertpapiere?
Nein.
Hat Ihr Bistum Geld verloren?
Nein.
Bricht mit dem Fast-Kollaps der Finanzmärkte und der Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten eine neue Epoche an?
Es ist zu früh für ein Urteil. Was ein Politiker vor der Wahl sagt, und was er nach der Wahl tut: Das ist nicht immer deckungsgleich.
Wen hätten Sie gewählt? Obama oder John McCain?
Das wäre nicht einfach gewesen.
Obama oder McCain?
Ein Mix aus beiden.
Ein Mix?
Obama hat eine gute soziale Ader, aber seine Einstellung zum menschlichen Leben scheint mir äusserst problematisch.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat kürzlich die Waffenexporte deutscher Firmen kritisiert. Warum gibt es Kritik dieser Art nicht auch in der Schweiz?
Die Schweizer Bischofskonferenz hat klare Kriterien, wozu sie Stellung nimmt und wozu nicht. Wir äussern uns oft, aber wenn es nicht um den Zölibat geht, interessieren sich die Medien nicht sehr dafür.
Die katholische Bundesrätin Doris Leuthard hat Waffenexporte nach Pakistan und Saudiarabien genehmigt. Finden Sie das gut?
Ich müsste die Materie genauer kennen, um mir ein Urteil bilden zu können.
Haben Sie grundsätzlich nichts gegen Waffengeschäfte?
Das rührt an die grundlegende Frage nach dem gerechten Krieg. Ob man einem Volk, das sich verteidigt, Waffen verkauft oder einer Dikatur, ist etwas anderes.
Saudiarabien ist eine Diktatur.
Das ist problematisch. Aber momentan kann ich dazu keine Stellung nehmen.
Die CVP ist eine «christliche» Partei, befürwortet aber Abtreibung, Schwulenehe, Sonntagsverkauf. Fehlt eine katholische Kraft in der Politik?
Nein. Die Kirche darf nicht Partei sein für eine Partei. Die Kirche muss Partei sein für das Evangelium.
In der Causa Röschenz war die Kirche Partei – gegen Priester Franz Sabo. Jetzt haben Sie sich versöhnt. Mussten Sie über Ihren Schatten springen?
Herr Sabo und ich haben im September eine Erklärung abgegeben. Darüber hinaus sagen wir nichts.
Die Landeskirche Baselland will ein internes Rekursgericht schaffen, um ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden. Unterstützen Sie das?
Es braucht Lösungswege für solche kniffligen Auseinandersetzungen. Über das Wie muss man reden. Es kann nicht sein, dass in einem Streit zwischen staatskirchenrechtlichen Institutionen und Bischof die staatskirchenrechtliche Seite allein entscheidet.
Nicht nur mit Franz Sabo haben Sie eine einvernehmliche Lösung gefunden: Der «Tages-Anzeiger» meldete, dass Sie neuerdings geschiedene Männer zu Priestern weihen.
Es geht um zwei Theologen in meinem grossen Bistum. Und es ist noch nichts entschieden. Das ist mittlerweile ein Ritual: Eine Woche vor einem Fest erscheint ein reißerischer, faktenarmer Artikel auf der Frontseite des „Tages-Anzeigers“, auf den sich dann alle stürzen. Dieses Ritual mache ich nicht mehr mit.
Im «Tages-Anzeiger» stand, dass Ehen nachträglich annulliert werden, damit geschiedene Männer Priester werden können.
Es gibt die Möglichkeit, eine Ehe zu annullieren, damit jemand einen neuen Weg gehen kann. Das ist nichts Neues und hat zunächst nichts mit dem Zölibat zu tun. Die Kirche hat den Menschen immer wieder einen Neubeginn ermöglicht. Denken Sie an Paulus, Augustinus, Franz von Assisi. Diese Männer führten ein zweifelhaftes Leben und wurden danach zu grossen Gestalten. Die Öffentlichkeit wirft uns oft Unbarmherzigkeit vor, und wenn wir barmherzig, für einen Neubeginn offen sind, macht man daraus einen großen Aufschrei.
Was tun gegen den Priestermangel?
Es gibt eine Möglichkeit, die permanent in der Öffentlichkeit diskutiert wird: Man kann sich überlegen, ob es neben dem Zölibat noch andere Lebensformen des Priestertums geben soll. Und es gibt noch eine andere Möglichkeit: Wir können für mehr Priester beten und Berufungen fördern.
Wie stehen Sie zum Zölibat?
Der Zölibat ist keine Glaubens-, sondern eine Disziplinarfrage. Ich bin dafür, dass es zölibatäre Priester gibt. Ich kann mir aber auch verheiratete Priester vorstellen. Worin liegt der Sinn des Zölibats? Wenn jemand auf Ehe und Familie verzichtet, kann man davon ausgehen, dass er Priester aus Berufung ist – und nicht, weil er einen Job braucht.
Das soll nicht mehr gelten?
Die Frage, die man stellen muss: Kann auch die glaubwürdig gelebte Ehe ein Zeichen für eine solche Berufung sein?
Ihre Antwort?
Es liegt nicht an mir, das zu entscheiden. Die Bischofssynode 2005 hat dem Papst nahe gelegt, am Zölibat festzuhalten.
Wie haben Sie gestimmt?
Ich war nicht dabei.
Die Kirche befindet sich in schlechter Verfassung: 1970 waren 49 Prozent der Schweizer katholisch, heute sind es noch 41 Prozent, Tendenz weiter sinkend. Warum?
Sicher nicht wegen des Zölibats! Die Reformierten kennen kein Zölibat und sind vom Mitgliederschwund noch mehr betroffen.
Warum also?
Es gibt viele Gründe. Institutionen sind heute ganz allgemein verdächtig.
Der Islam und die Freikirchen wachsen.
Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Wir müssen über die Bücher gehen. Aber wird dürfen uns nicht den Sekten anpassen.
Sondern?
Die Kirche muss nahe bei Gott und den Menschen sein.
Bei den Frauen? Ihnen könnten Sie mehr Rechte einräumen.
Abgesehen von der Weihe gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau in der Kirche. Viele Frauen engagieren sich, auch in der Bistumsleitung. Was die Weihe betrifft: Diese Frage kann nicht ich entscheiden.
Wann kommt die erste Päpstin?
Dies ist so ungewiß wie die Frage, wann die Schweiz ganz zu Europa gehören will.
Was kommt zuerst?
Ich weiss es nicht. Vielleicht sogar das Erste.
Viele Frauen würden gern hier und heute die Kirche stärker mittragen.
Ja, das ist in den westlichen Gesellschaften eine virulente Frage. Aber man muss das auch weltkirchlich sehen, wo andere Fragen virulenter sind, etwa Armutsbekämpfung oder totalitäre Regimes. Kirchen, welche die Frauenordination eingeführt haben, sind übrigens gespalten: die anglikanische, die christkatholische – bei uns wäre das auch so. In der Schweiz kam das Frauenstimmrecht sehr, sehr spät. Da haben sich die Schweizer viel Zeit gelassen, aber bei der Kirche kann es nicht schnell genug gehen.
Die Kirche ist Weltmeisterin im Zuspätkommen: 1944 lobte der Papst erstmals die Demokratie, 1965 wurde die Religionsfreiheit gebilligt, 1992 Galileo Galilei rehabilitiert.
Die katholische Kirche lernt langsamer als andere, aber sie macht dafür nicht alle Fehler mit. Andere Kirchen öffnen sich dem Zeitgeist – und verfallen ihm.
Zum Beispiel?
Die evangelischen Kirchen in Deutschland waren anfälliger für den Nationalsozialismus als die katholische.
Warum?
Ein Hauptgrund mag die große Verflechtung der Lutheraner mit dem Staat gewesen sein. Aber natürlich waren auch viele Katholiken begeistert vom Kampf der Nationalsozialisten gegen die russischen Bolschewisten. Nur hielt hier der Papst dagegen: «Sagen Sie den Nationalsozialisten, sie selbst sind auch Bolschewisten.»
Es brauchte die Autorität des Kirchenführers, um dem Volksführer entgegen zu treten?
Ich weiss nicht, ob die katholische Kirche so autoritär ist wie der Tamedia-Konzern. Von ihm könnte unsere Kirche noch lernen.
Unser Konzernchef ist nicht unfehlbar.
Gewisse Journalisten sind so unfehlbar wie der Papst nicht einmal in seinen Träumen. Der Papst ist übrigens nur unfehlbar, wenn er in Glaubensfragen ex officio entscheidet. Das ist bislang zwei Mal geschehen, 1854 und 1950.
Viel Ärger würde Ihnen erspart, wenn Kirche und Staat getrennt würden. Die Landeskirchen, die so gerne dreinreden, gäbe es nicht mehr.
Die totale Trennung von Kirche und Staat halte ich nicht für gut. Die eine ist auf den andern angewiesen – und umgekehrt.
Wieso?
Weil der moderne Staat sein eigenes Wertefundament nicht mehr garantieren kann. Die Kirche hält unsere Werte am Leben.
Aber das bestehende System soll geändert werden?
Ich möchte so kurz vor Weihnachten nicht über dieses heikle Thema reden. Die Bischofskonferenz wird dazu eine Expertengruppe einsetzen.
Im kommenden Jahr stimmen wir über die Minarettverbots-Initiative ab. Haben Sie Angst vor dem Islam?
Was den Islam betrifft, habe ich eine doppelte Angst: vor der Blauäugigkeit vieler Christen, aber auch vor unnötiger Hysterie. Die Gefahr ist nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums. Sorgen macht mir die Bevölkerungsentwicklung.
Nämlich?
Muslime haben mehr Kinder als Christen, die Anteile der Religionsgruppen an der Bevölkerung ändern sich – zu Ungunsten des Christentums
Was halten Sie von der Minarettverbots-Initiative?
Sie ist die falsche Lösung für ein echtes Problem. Wenn Minarette ein Zeichen des Glaubens sind, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn Minarette aber ein Zeichen von Machtanspruch sind, fällt das nicht unter die Religionsfreiheit.
Welcher Machtanspruch?
Es gibt zum Beispiel eine schleichende Ausmerzung des Christentums in der Türkei.
Deshalb sollen wir Minarette verbieten?
Eben nicht! Es darf keine Symmetrie des Unrechts geben. Wir müssen mit gutem, tolerantem Beispiel vorangehen, aber zugleich auch Gegenrechte einfordern.
Inwiefern sind wir denn gegenüber dem Islam zu blauäugig?
Der Islam wird zum Beispiel von Karikaturen verschont, mit dem Christentum ist man gnadenlos.
Darf man sich über Religion lustig machen?
Über das Personal der Religionen schon – aber nicht über den Kern der Religion.
Warum nicht?
Weil der interreligiöse Dialog nur gelingt, wenn jeder respektiert, was dem Anderen heilig ist. Wenn dieser Respekt verschwindet, kommt es zum Krieg der Kulturen.
Meinen Sie auch mit der islamischen Kultur?
Die Muslime haben in Europa nicht Angst vor dem Christentum, sondern vor einer völlig säkularisierten Gesellschaft.
Krieg zwischen dem Religiösen und dem Areligiösen?
Heute wird um die muslimischen Symbole gekämpft, morgen vielleicht um die christlichen. Es kann die Zeit kommen, in der ich keinen violetten Pileolus mehr tragen darf. Sondern nur noch ein Sennenchäppi.
Das Interview führten Sebastian Ramspeck und Jean Francios Tanda