Bischofswort zum Hochfest von Allerheiligen 2008
Liebe Schwestern und Brüder
Am vergangenen 12. Oktober hat Papst Benedikt XVI. in Rom Schwester Maria Bernarda heilig gesprochen. Die im Jahre 1848 in Auw im Kanton Aargau geborene Verena Bütler trat zunächst bei den Kapuzinerinnen in Altstätten ein. Im Alter von vierzig Jahren zog sie mit sechs Mitschwestern zuerst nach Equador und später nach Kolumbien, wo sie segensreich gewirkt und die neue Kongregation der Franziskaner Missionsschwestern von Maria Hilf gegründet hat. Nach der Heiligen Wiborada, die im 10. Jahrhundert in St. Gallen gelebt hat, ist mit Schwester Bernarda zum zweiten Mal in der Kirche in der Schweiz eine Frau heilig gesprochen worden. Dieses Ereignis lädt uns ein, intensiver darüber nachzudenken, was ein heiliger Mensch im Licht des christlichen Glaubens ist.
Teilhabe an der Heiligkeit Gottes
Eine hilfreiche Antwort gibt uns in der Feier der Eucharistie die Präfation von den Heiligen, in der es heisst: „Die Schar der Heiligen verkündet deine Grösse, denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade.“ Nicht wir Menschen sind es, die sich selbst heilig machen könnten; es ist vielmehr das Werk der Gnade Gottes, die einen Menschen heiligt. Heilig ist deshalb allein Gott. Wir Menschen vermögen nur dadurch heilig zu werden, dass wir uns ganz in Gott hinein verwurzeln und für ihn durchsichtig werden, wie es Johannes in der heutigen Lesung ausdrückt: „Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist“ (1 Joh 3,3).
Von Gott selbst muss also die Rede sein, wenn wir von heiligen Menschen sprechen. Von Gott bekennt der christliche Glaube, dass er so gross ist, dass er selbst klein werden kann, so gut, dass er selbst Mensch wird, und so unendlich, dass er bei uns Menschen wohnen will. Der Gott der christlichen Offenbarung verbleibt nicht hinter den Wolken unserer Welt und schaut nicht teilnahmslos dem Geschehen der Welt zu; er will vielmehr als Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit in der Geschichte von uns Menschen gegenwärtig sein und bei uns ankommen.
Von dieser Grundüberzeugung her erschliesst sich der wahre Sinn christlicher Heiligenverehrung. Dort nämlich, wo das Urteil des Glaubens den Mut aufbringt, von einem konkreten Menschen zu bekennen, dass Gott in seinem Leben endgültig angekommen ist, dort ist im Tiefsten das gegeben, was die katholische Kirche einen heiligen Menschen nennt: Ein Heiliger ist ein Mensch, der so offen und empfangsbereit für Gott ist, dass Gott wirklich bei ihm ankommen und Ankunft, Advent halten kann. Oder im Licht des heutigen Evangeliums gesagt: Ein Heiliger ist ein Christ, der ganz aus dem Geist der Seligpreisungen Jesu lebt. Wenn wir einen solchen Heiligen verehren, dann ehren und loben wir Gott, genauerhin Gottes endgülti-ge Ankunft und seinen siegreichen Advent bei diesem heiligen Menschen. Die katholische Praxis der Heiligenverehrung ist deshalb Gottesverehrung und Gottesdienst. Es ist der begnadende Gott selbst, durch den auch der begnadete Mensch – freilich in abbildhafter Weise – zum Glaubensgeheimnis wird. Die Heiligenverehrung ist so der Höhepunkt der christlichen Einheit von Gottes- und Nächstenliebe.
Taufe als Fundament der Heiligkeit
In der Gemeinschaft mit den Heiligen dürfen wir uns geborgen wissen und erhalten wir Kraft in unserem Bemühen um Heiligkeit. Denn zur Gemeinschaft der Heiligen gehören nicht nur die grossen Gestalten, die uns vorangegangen sind und deren Namen wir kennen. Zur Gemeinschaft der Heiligen gehören vielmehr alle Christen, die auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft sind und die aus der Eucharistie leben, in der Christus uns verwandeln und sich gleich gestalten will.
In der Heiligen Schrift werden deshalb die Getauften selbst als „Heilige“ bezeichnet, freilich nicht, weil sie makellos wären und keine Fehler machen würden, sondern weil sie von Christus im Sakrament der Taufe geheiligt worden sind. Selbst die Heiligen Apostel sind nicht „vom Himmel gefallen“, sondern sie sind Menschen wie wir mit ihren je eigenen Stärken und Schwächen gewesen. Jesus hat sie berufen, nicht weil sie bereits heilig gewesen wären, sondern damit sie heilig werden. Christliche Heiligkeit be-steht nicht darin, nie einen Fehler gemacht oder keine Sünden begangen zu haben. Christliche Heiligkeit wächst vielmehr in der Fähigkeit zur Bekehrung und in der Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen. Aufgrund der Taufe sind wir alle zur Heiligkeit berufen. Denn auf die wohl elementarste Frage des christlichen Glaubens, worin der Wille Gottes besteht, vernehmen wir aus dem Ersten Thessalonicherbrief die ebenso elementare Antwort: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung“ (4,3). Der biblische Autor sagt damit, dass der Wille Gottes im Letzten ganz einfach und in seinem Kern für alle Menschen gleich ist, nämlich Heiligkeit. Vor Gottes Angesicht ist Heiligkeit gerade nicht das Ungewöhnliche, sondern das Gewöhnliche und somit das für jeden Getauften Normale. Christliche Heiligkeit besteht im Normalfall nicht in irgendwelchen unnachahmbaren Heroismen, sondern im gewöhnlichen Leben des Christen mit Gott, um dieses Leben im Geist des Glaubens zu durchformen.
(Diese Glaubensüberzeugung hat das Zweite Vatika-nische Konzil in Erinnerung gerufen, das der „allgemeinen Berufung zur Heiligkeit“ eine grosse Bedeutung beigemessen hat. Das ganze fünfte Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die Kirche ist dieser entscheidenden Leitperspektive des christlichen Lebens gewidmet: „Alle Christgläubigen jeglichen Standes und Ranges“ sind „zur Fülle des christli-chen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen. Durch diese Heiligkeit wird auch in der irdischen Gesellschaft eine menschlichere Weise zu leben gefördert.“
Auf dem Konzil aufbauend hat Papst Johannes Paul II. für die Kirche am Beginn des Neuen Jahrtausends pastorale Leitlinien skizziert, bei denen er als erste pastorale Priorität die gemeinsame Berufung zur Heiligkeit hervorgehoben hat: „Ohne Umschweife sage ich vor allen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heisst Heiligkeit.“ )
Nicht Kopien, sondern Originale der Heiligkeit
Jeder Christ und jede Christin ist berufen, den persönlichen Weg zur Heiligkeit zu gehen. Die christliche Berufung zur Heiligkeit kann nicht darin bestehen, grosse Heilige einfach kopieren zu wollen. Auch im christlichen Bemühen um Heiligkeit wünscht sich Gott keine Kopien, sondern Originale. Kein Zweiter dürfte dies so deutlich gespürt haben wie Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. In einer Tagebuchnotiz aus dem Jahre 1903 hat er seinen Durchbruch im geistlichen Leben mit den folgenden Worten verdeutlicht: Mir ist eines „klar geworden: wie falsch die Auffassung ist, die ich mir von der Heiligkeit, der ich nachstrebe, gebildet hatte. Bei meinen einzelnen Handlungen, meinen kleinen, sofort erkannten Verfehlungen stellte ich mir das Bild irgendeines Heiligen vor, den ich mir in allem, auch in kleinsten Dingen, nachzuahmen vornahm, genau wie ein Maler ein Bild von Raffael kopiert... Ich muss nicht die kümmerliche und dürre Reproduktion eines wenn auch noch so vollendeten Typs sein. Gott will, dass wir dem Beispiel der Heiligen solcherart folgen, dass wir das Lebensmark ihrer Tugend uns zu eigen machen, es in unserem Blut umwandeln und unseren besonderen Anlagen und Umständen anpassen.“
Vom Lebensmark der Tugend der Heiligen lernen, und zwar alle auf ihre Art: Darum geht es im christlichen Bemühen um Heiligkeit. Denn der lebendige Gott hat einen reichen Garten geschaffen und allen ihre Weise der Heiligkeit gegeben, mit der die Blumen Gottes blühen und die geistlichen Früchte reifen können. Christliche Heiligkeit kann nicht in einer steckendürren Nachahmung von grossen Heiligen bestehen, sondern darin, den Lebenssaft des Evangeliums – den sugo vitale – und damit die wahre Essenz der Heiligkeit heiligen Menschen gleichsam abzulauschen und auf diesem Weg dem persönlichen Ruf Gottes mit dem eigenen Leben zu antworten.
(Der Heilige Franz von Sales, der grosse Bischof von Genf vor vierhundert Jahren, hat dies treffend mit den Worten ausgesprochen: „Ein Bischof soll und kann nicht leben wie ein Kartäuser und Eheleute nicht wie Kapuziner, Handwerker nicht wie beschauliche Ordensleute, die den halben Tag und die halbe Nacht im Gebet sind. Es wäre eine törichte und lächerliche Frömmigkeit – jedes nach seiner Art.“ Und er fügte hinzu: „Die wahre Frömmigkeit zerstört nicht, sondern sie veredelt und verschönert.“)
In dieser persönlichen Beziehung Gottes zu uns Menschen liegt der tiefste Grund, dass es genauso viele Frömmigkeitsstile und Weisen des Heiligwerdens gibt, wie es Lebensstände und Berufe gibt. Allen gemeinsam ist aber die Orientierung an den Seligpreisungen Jesu. Sie helfen uns, unser Leben immer mehr Christus anzugleichen. Denn in ihnen scheint das Geheimnis Jesu Christi selbst auf. Die Seligpreisungen sind, wie Papst Benedikt XVI. sehr schön gesagt hat, „wie eine verhüllte innere Biographie Jesu, wie ein Porträt seiner Gestalt“ . Die Seligpreisungen drücken deshalb auch aus, was christliches Bemü-hen um Heiligkeit bedeutet. So sind sie Wegweisungen für die Nachfolge Jesu, von denen sich jeder gemäss seiner eigenen Berufung berühren lassen darf.
Das heutige Fest von Allerheiligen spricht uns die Verheissung zu, dass die neue Vision von Welt und Mensch, die in den Seligpreisungen Jesu durchscheint, in der Gemeinschaft aller Heiligen bereits in Erfüllung gegangen ist, weil Gott in ihrem Leben endgültig angekommen ist. Auch für uns ist Gott lebendig in seinen Heiligen. Denn wenn er sich uns Menschen zuwendet, kommt er nicht allein, sondern in der Gemeinschaft der Heiligen. Von dieser vollendeten Gemeinschaft der Heiligen, die in der Ersten Lesung vom urchristlichen Propheten Johannes eindrücklich beschrieben wird, dürfen wir uns getragen wissen und Kraft schöpfen für unser eigenes Bemühen um die Verwirklichung der Heiligkeit: in unserem persönlichen Leben, in der Glaubensgemeinschaft der Kirche und in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Denn wer glaubt, ist nie allein, weil Gott selbst lebendig ist in seinen Heiligen: in den Heiligen, die – wie Schwester Maria Bernarda Bütler - bereits zur Ehre der Altäre erhoben sind, und in den Heiligen, die wir als Getaufte sein dürfen.
+ Kurt Koch
Bischof von Basel